Stilothek


von Gerdi Scherer, 2014

 

Vor langer, langer Zeit, als die Menschen noch an Wunder glaubten, war der Bodensee das Reich eines anmutigen Wasserfräuleins namens Nynever. Die Jungfer hatte lange, blauschwarze Locken, in die sie oft einen Kranz aus Wasserlilien und Seerosen flocht, und  ihre hellen, smaragdfarbenen Augen leuchteten wie kristallklare Gletscherseen. Aber anstelle von zwei Beinen und zwei Füßen, wie die Menschen sie haben, endete ihr Körper in einem Fischschwanz, den gold- und silberfarbene Austern schmückten und dessen irisierende Schuppen wie Diamanten in allen Farben sprühten. In hellen Sommernächten, wenn der Mond den See in flüssiges Silber verwandelte, die Menschen am Strand saßen und der Stille lauschten, stieg sie oft aus den Tiefen des Wassers empor, verschränkte ihre Arme auf ein großes Seerosenblatt und betrachtete die funkelnden Sterne. Ein großer, alter Wels, ihr Lehrmeister und Beschützer, begleitete sie. Oft hielt sie sich an seinen Barteln fest, und gemeinsam durchstreiften sie die kühle, geheimnisvolle Wasserwelt. Nynever lernte viel von dem weisen Fisch: Die Namen der Wasserpflanzen und der Tiere; wie sie lebten und wie man für sie zu sorgen hatte. Sie erfuhr, daß der mächtige Fluß, der den See durchströmte, aus einer Quelle hoch oben in den schneebedeckten Bergen kam. Mit der Zeit konnte Nynever den Fluß sicher durch den See leiten, auch studierte sie die Strömungen und wie man mit ihrer Hilfe das Wasser rein halten konnte. Sie übte den Umgang mit Wind, wie man die Luftgeister um Sonne oder Regen bittet und fand einen Weg, den Sturmgott zu besänftigen, wenn er es gar zu arg trieb. Alles hatte sie der alte Wels in vielen, vielen Jahren geduldig gelehrt. Denn natürlich müssen auch unsterbliche Wasserfräulein viel lernen! 

Der Wels maß gute fünf Meter, hatte ein riesiges Maul und ein sanftes Gemüt. Viele Legenden rankten sich um dieses Tier. Er galt als der „Wächter vom See“. Die Fischer hatten großen Respekt vor ihm, fürchteten ihn wegen seines Aussehens und seiner Kraft. Wer zu kleine Fische fing und sie nicht wieder frei ließ, dem riß der Wels die Netze entzwei. Aber er stand auch oftmals zur Seite, wenn in stürmischer Nacht ein Boot zu kentern drohte. Der Wels war kräftig genug, sich gegen Wind und Wellen zu stemmen. Er half allen, die den See und das Leben darin achteten. Auch das lernte unser Wasserfräulein von dem alten, weisen Fisch. Sie wußte, daß sie eines Tages für den See verantwortlich wäre, denn im Gegensatz zu Feen sind Fische sterblich, auch wenn sie, wie unser Wels, weit über hundert Jahre alt werden können. 

Und schließlich, eines Tages, war es dann soweit:

„Ich werde alt, Nynever, und ich kann Dir nichts mehr beibringen. Du hast alles gelernt, was ich weiß. Fortan bist Du die Herrin des Sees. Wenn Du ihn behütest, wird ihm nichts geschehen. Gebrauche Deine Macht gut und gerecht.“

Nynever war endlos traurig und weinte viele Tage lang.  Soviel, daß aus all’ ihren Tränen ein eigener See entstand.  (Heute nennt man diesen Teil des Bodensees, der sich entlang der Reichenau erstreckt, auch den „Gnadensee“.)

Vielleicht hätte Nynever noch lange geweint, aber die Pflicht rief. Der Sturmgott fühlte sich unbeobachtet und geriet etwas außer Kontrolle. Für die Menschen allerdings sollte es einer der gewaltigsten Stürme werden, an die sie sich erinnern konnten. Ganz besonders schwer traf es Melvin, den Kelten. Er lebte in einer kleinen Pfahlbausiedlung am Nordufer des Sees. (Ein paar hundert Jahre später sollte dort ein Dorf namens „Immenstaad“ gegründet werden.)  

Melvin war ein guter Mensch: Stets ließ er die kleinen Fische frei, auch wenn ihn noch so großer Hunger plagte. Auch wurde er nicht müde, den anderen zu erklären, daß nur so der See für alle Zeiten genug Nahrung liefern würde.

Es war ein harter Tag für den jungen Fischer gewesen: In den frühen Morgenstunden war er hinausgefahren, fast verzweifelt. Es hatte in den letzten Wochen zu viele Tage gegeben, an denen die Fische ausblieben. Melvins Magen knurrte laut und vernehmlich, er mußte diesmal einfach Glück haben!

Aber Glück läßt sich nicht befehlen. Am Abend hatte er grade mal vier Fische gefangen, zu wenig, um davon leben zu können. Müde und mutlos schickte er sich an, zurück zu rudern, als ein gewaltiger Sturm losbrach. Die Wellen hoben sein Boot meterhoch als wäre es Spielzeug, dann krachte es mit Macht zurück auf auf die Wasseroberfläche, daß die Spanten ächzten, nur, um im nächsten Augenblick in einem Strudel gefangen zu werden, zu kreisen wie in einem Höllentanz. Melvin klammerte sich mit letzter Kraft an sein Boot, das bereits voller Wasser stand und zu sinken drohte. Die Ruder , seine vier Fische, die Angel, das Netz – alles war längst verloren. Melvin kämpfte nur noch um sein Leben – lange würde er sich nicht mehr behaupten können. Da – was war das? - Plötzlich spürte er, daß sein Boot wie von Geisterhand sicher  durch die wütende See geleitet wurde bis zum rettenden Ufer. Viel zu erschöpft, um das wundersame Geschehen richtig verstehen zu können, erreichte er schließlich den Strand, war außer Gefahr! Benommen sank er in einen traumlosen Schlaf.

Dankbar erinnerte er sich am Morgen an die wundersame Rettung. Und wie es in Sagen und Märchen so üblich ist, fand er in seinem Boot nicht nur die verloren geglaubte Angelschnur und das Netz, auch seine am Vortag gefangenen Fische waren da! Melvin schöpfte wieder Mut, und am Abend versuchte er sein Glück erneut und wurde durch reichen Fang belohnt. Als er in dieser mondhellen Nacht sein Netz ein letztes Mal einholte, fand er darin nicht nur Fische, sondern auch Nynever. 

Im Gegensatz zu den Menschen heute kannte sich Melvin, der Kelte, mit Wundern aus. So war er weniger überrascht als vielmehr höchst erfreut, die Gesellschaft einer so allerliebsten Seemaid genießen zu können. Denn Nynever war nicht nur wunderschön, sondern auch äußerst klug. Sie also dankte dem Fischer für seine Fürsorge um den See und bat ihn, dies sein ganzes Leben lang zu tun. Das versprach Melvin nur zu gern. Er wiederum bat – wie könnte es anders sein – um ein Wiedersehen. 

So trafen sie sich immer dann, wenn der Mond sich rundete. Nynever freute sich über Gesellschaft und Gespräche, war froh, daß sie nicht mehr so ganz alleine die funkelnden Sterne betrachten mußte. Aber schließlich fühlte sie, daß es einer Entscheidung bedurfte. Beim nächsten Vollmond stieg Nynever nicht mehr empor, auch beim folgenden und übernächsten nicht. Melvin machte sich große Sorgen. Jede Nacht fuhr er nun in die Mitte des Sees, rief ihren Namen, viele Nächte vergeblich. Bis, eines Nachts, Nynever in sein Boot glitt und ihm sagte, daß sie nicht mehr käme, denn ihr Reich sei der See, sein Leben das Land. Sie schenkte Melvin eine Perlenkette und bat ihn, sie dem ersten Mädchen zu geben, das er am nächsten Morgen träfe: Sie sei die Richtige für ihn, mit ihr würde er glücklich werden. 

Als Melvin am nächsten Tag zum Strand kam, fand er dort eine junge Frau, die einen kleinen Brotlaib dabeihatte. Sie hatte lange, blauschwarze Haare und Augen wie kristallene Gletscherseen. Veralind war ihr Name. Tauschen wollte sie das Brot, gegen Fische. Vom Norden sei sie gekommen, auf der Suche nach einem neuen Leben. Melvin erinnerte sich an die Worte des Wasserfräuleins und schenkte der jungen Frau die Perlenkette.

Natürlich blieb Veralind bei Melvin. Nicht bloß wegen der Perlenkette – aber das Geschenk hatte doch mächtig Eindruck gemacht! Und natürlich hielten sie die Gabe der Herrin vom See in Ehren. Sie wurde immer weitervererbt, an Kinder und Kindeskinder und deren Kinder – immer mit der Ermahnung, den See zu hüten und zu achten.

Also: Wenn Ihr heute jemanden mit einer Perlenkette seht – wer  weiß, woher sie stammt? Und da es den Bodensee noch gibt, könnte man fast vermuten, daß die Herrin vom See immer noch weise und umsichtig in ihrem Wasserreich regiert. Manchmal, in mondhellen Nächten, steigt sie vielleicht empor, um die Sterne zu betrachten. Heute wahrscheinlich eher im Herbst und im Winter, da ist es ruhiger ...

Aber sehen kann sie sowieso nur der, der an Wunder glaubt.

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Mein Sommerrätsel

Was wären wir ohne Märchen- und Sagengestalten? Ohne hilfreiche Zwerge und listige Trolle, ohne gute Feen und böse Hexen, ohne Nymphen und Nixen und Neptun?

Von einer Gruppe weiblicher Naturgeister handelt unser neues Rätsel, das so richtig zu mondhellen Sommernächten paßt: In den überlieferten alten Erzählungen treten unsere gesuchten Fräulein als schöne Mädchen mit durchsichtigen Körpern und langen Haaren auf. Gerne tanzen sie im Wald, ihre Tanzplätze - so weiß Wikipedia - sind zum Beispiel an wilden Erdbeeren zu erkennen, die im Kreis wachsen, auch ist das Gras - hoch gewachsen oder platt gedrückt - eines solch’ runden Waldstücks gut zu erkennen. Für Menschen ist Betreten natürlich gefährlich, auch wenn unsere gesuchten Damen in der Regel nett zu den Leuten sind. Nur wenn man ihnen keinen Respekt zollt, werden sie böse! Aber das geht eigentlich jedem so, nicht bloß den Naturgeistern.

Weiter im mythologischen Text: Manche glauben, diese Nymphen wären ursprünglich mal Menschen gewesen. Weil sie kurz vor ihrer Hochzeit gestorben sind, finden sie keine ewige Ruhe und müssen tanzen. Wehe dem jungen Mann, der mit ihnen tanzt …

Heinrich Heine hat den Tanzboden in den Schwarzwald verlegt und den Nymphen ein literarisches Zeugnis gewidmet. Es gibt auch ein  berühmtes Ballett, ein musikalisches und choreographisches Highlight. Der Autor des Libretto wurde durch Heinrich Heine inspiriert …

  • Wie heißen die gesuchten weiblichen Naturgeister und in welchen Kulturkreisen kommen sie in Sagen und Märchen vor und seit welcher Zeit?
  • Wie heißt die Sage von Heinrich Heine?
  • Wie heißt das Ballett, wer schrieb das Libretto, wer komponierte die Musik?
  • Wann und wo war die Uraufführung?
  • Wird das Ballett heute noch aufgeführt?

 

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Fotos aus Feld, Wald undWiese - Wer kennt sich aus?

Rätsel 1
Rätsel 1
Rätsel 2
Rätsel 2
Rätsel 3
Rätsel 3

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Gesucht wird: Eine architektonische Meisterleistung

Die Ausmaße unseres gesuchten Bauwerkes sind eigentlich gar nicht so exakt zu bestimmen. Jedenfalls liest man immer wieder unterschiedliche Zahlen. Das Problem dabei ist nämlich, daß die Bauzeiten einige Jahrhunderte umfaßten. Beginnend vermutlich im 6. Jh  VOR Chr. … 

Oder besser: Es hat immer wieder einer dran herumbasteln lassen - es wurde ausgebessert oder neu gebaut - wer eben grade das Sagen hatte, oft flankiert von einer ganzen Armee. Das Bauwerk war nämlich zum Schutz gedacht. Aber vor wem nur?

So vielfältig Bauwerke sind, so unterschiedlich sind die Materialien. Ziegel aus Lehm und Stroh kennen wir auch - aber Mörtel aus gebranntem Kalk und Klebreis?

Nun - in einer der vielen Bauphasen, im 15. Jh nämlich,  wurde eben dieses Material zum Aus- und Umbau unserer gesuchten Konstruktion verwendet, jedenfalls für die Außenhaut. Der so hergestellte Mörtel verband Natursteine oder gebrannte Steine - und hat bis heute gehalten. Drinnen befinden sich Lehm, Sand und Schotter. Türme gibt es auch, Signaltürme und Wachtürme. Wie gesagt, der gesamte Komplex diente zur Verteidigung. Heute zur Besichtigung.

Das Bauwerk endet übrigens mit dem Kopf eines Fabelwesens im Pazifik. 

Franz Kafka und Max Frisch haben dieser architektonischen Meisterleistung ein literarisches Denkmal gesetzt.

 

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Das LACHEN - was andere darüber denken. Und illustriert (mit Klick ins Bild startet die Diashow)

kurios- diashow
empfehlenswert: KURIOS & KUNTERBUNT (Diashow mit Klick aufs Bild)
  • Je mehr ein Mensch des ganzen Ernstes fähig ist, desto herzlicher kann er lachen. Menschen, deren Lachen stets affektiert und gezwungen herauskommt, sind intellektuell und moralisch von leichtem Gehalt. Arthur Schopenhauer
  • Der verlorenste aller Tage ist der, an dem man nicht gelacht hat. Nicolas Chamfort
  • Die Menschen nehmen sich selbst zu ernst. Das ist die Erbsünde der Welt. Hätte der Höhlenmensch zu lachen verstanden, wäre die Weltgeschichte anders verlaufen. Oscar Wilde
  • Schlagt mich meinetwegen, aber lasst mich lachen! Molière
  • Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den Menschen hineinhuschen kann. Christian Morgenstern
  • Lachen ist eine Macht, vor der die Größten dieser Welt sich beugen müssen. Émile Zola
  • Jedes Lachen vermehrt das Glück auf Erden.Jonathan Swift
  • Lachen ist eine körperliche Übung von großem Wert für die Gesundheit. Aristoteles
  • Nichts amüsiert mich mehr, als wenn ich über mich selbst lache. Mark Twain
  • Lachen lernt man nicht, lachen verlernt man. Emanuel Wertheimer
  • Das Lachen ist die sicherste Probe auf einen Menschen. Dostojewski
  • Leute, die nicht lachen, sind keine ernsthaften Leute. Chopin 

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Literarischer Bodensee 

"Das Fürstenhäusle in Meersburg bietet eine grandiose Aussicht über den Bodensee. Hier lebte im 19. Jahrhundert die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Das Haus gibt mit authentischer Einrichtung aus der Zeit des Biedermeier einen charmanten Einblick in ihr Leben und Werk..."  -  zum Fürstenhäusle

Literarischer Bodensee (2) 

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Das Gebäude, in dem sich heute das Hesse Museum befindet, ist ein ehemaliges Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert. Es befindet sich in 78343 Gaienhofen und ist unbedingt einen Besuch wert!

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